Bildungsystem: Historische Entwicklung 


Die Gründungsphase
Im Gegensatz zu Mittel- und Westeuropa beginnt die Geschichte der russischen Hochschulen erst 1755 mit der Gründung der Moskauer Staatlichen Universität (MGU), die den Namen "Lomonossow" trägt. Auf Veranlassung Peters des Großen und des deutschen Gelehrten Leibniz kam es zwar kurz nach 1700 zur Gründung der Russischen Akademie der Wissenschaften in Petersburg, an der bekannte Wissenschaftler wie Leibniz oder Euler zeitweise forschten. Aber erst Michail Lomonossow wies auf die Notwendigkeit hin, daß die Akademie ihren Nachwuchs aus dem eigenen Lande, aus eigenen Universitäten erhalten müsse. Er gründete in Moskau die später nach ihm benannte Universität, die bis heute die größte und wichtigste in der Russischen Föderation geblieben ist. Auf Moskau folgten weitere Hochschulgründungen in Kasan (1804), Petersburg (1819) und Kiew (1834).
Im Unterschied zu den westeuropäischen Universitäten, die vielfach - dem Beispiel Preußens folgend - das Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre übernahmen, blieb das System der Akademie der Wissenschaften mit der Grundlagenforschung als Hauptaufgabe und der Hochschulen mit der Lehre und angewandten Forschung als Hauptaufgabe bis heute erhalten. Allerdings war die Trennung zwischen beiden Bereichen niemals vollständig, denn durch die personellen Austauschbeziehungen - Professoren der Hochschulen wurden zu Mitgliedern der Akademie ernannt, Akademiemitglieder lehrten an Hochschulen - kam und kommt es noch heute zu einer Annäherung beider Bereiche.

Die Nachrevolutionszeit
Die geradezu existentielle Wende für die russischen bzw. sowjetischen Hochschulen kam mit der Revolution und zu Beginn der 20er Jahre, als die Hochschulen, die letztlich doch als bourgeoise Institutionen betrachtet wurden, ihre traditionelle Fächerbreite einbüßten und nach und nach spezialisierte Fachinstitute die Hochschullandschaft prägten.
Die Universitäts-Revolution hatte mit dem Erlaß vom 6. August 1918 begonnen, der - ganz im Sinne der Philosophie Lew Tolstojs - allen Bürgern, die älter als 16 Jahre waren, den Zugang zur Universität eröffnete, unabhängig vom Grad ihrer Bildung. Da durch diesen Erlaß die Universitäten auch dem Nicht-Studierfähigen geöffnet wurden, zeigte der Mythos der neuen Kultur hier früher als anderswo seine Irrtümer. Aus diesem Grunde wurde zunächst, im Jahre 1919, am Wirtschaftsinstitut Plechanow in Moskau, später auch an allen anderen Hochschulen, eine sogenannte "Arbeiterfakultät" (Rabocij Fakul'tet, bekanntgeworden unter der Abkürzung Rabfak) eingerichtet, an der künftige Studenten im Verlauf von bis zu drei Jahren auf das eigentliche Studium vorbereitet werden konnten. Von Anfang an nahm der politische Unterricht viel Raum ein. Der 1921 eingeführte Numerus clausus diente nicht nur dazu, die Zahl der Studenten zu begrenzen, sondern wurde auch als Instrument eingesetzt, um die Anzahl "bourgeoiser" Elemente zugunsten von Arbeitern und Bauern zu beschränken. Auf Studenten und Professoren wurde erheblicher politischer Druck ausgeübt. Man erwartete von ihnen zahlreiche gesellschaftliche Leistungen. Die noch unter der provisorischen Regierung von Kerenskij großzügig eingeführte Autonomie wurde in den Jahren 1920/21 von Stalin und Lunatscharskij, dem damaligen Bildungskommissar, wieder eingeschränkt bzw. aufgehoben. Das Selbstergänzungsrecht der Hochschulen bei Berufungen wurde durch das Mitbestimmungsrecht des Volksbildungskommissariats beeinflußt. Freiwerdende Lehrstühle wurden häufig mit sogenannten "roten Professoren", die manchmal jeden akademischen Grades entbehrten, neu besetzt. Akademische Grade, wie etwa der Doktorgrad, wurden außer Kraft gesetzt und erst 1926 wieder eingeführt. Die Beseitigung der Universitätsautonomie bedeutete auch das Ende der Lehrfreiheit. Die Professoren waren verpflichtet, zu Beginn ihres Kurses ein Vorlesungsprogramm vorzulegen, das erst nach Genehmigung durch die Verwaltungskommission der Universität umgesetzt werden durfte. Dies war der Zeitpunkt, als die russischen Universitäten ihren Anspruch auf Grundlagenforschung in vielen Fachrichtungen aufgeben und sich der Berufs- und Kaderausbildung widmen mußten. Ebenfalls zu dieser Zeit wurde die Studienfreiheit der Studenten abgeschafft. Strikte Stunden- und Studienpläne ersetzten die freie Wahl. Der gesamte Universitätsunterricht wurde schießlich in zwei Bereiche geteilt, die Geisteswissenschaften und die technischen Wissenschaften, von denen jeder in sechs Sektionen gegliedert wurde. Ab 1920 wurden die historisch-philologischen und juristischen Fakultäten als mit der kommunistischen Ordnung nicht mehr vereinbar beseitigt. Die philologischen Disziplinen wurden in einer eigenen Fakultät, einer linguistisch-literarischen Fakultät, zusammengefaßt, die praktisch zu einer Abteilung der pädagogischen Fakultät wurde. Die Lehrstühle für Philosophie wurden ersetzt durch solche für Marxistische Ideologie, die Lehrstühle für Geschichte mit denen für Volkswirtschaft und Soziologie zusammengelegt. Zwar wurden 1922 die juristischen Fakultäten wieder eingeführt. Sie wurden aber gleichzeitig in Fakultäten für Sowjetisches Recht umgewandelt.

Stalin-Ära und Zdanovšcina
Im Zuge der von Stalin geförderten Nationalisierung (genauer: Russifizierung) in den 30er Jahren ergaben sich auch für die Kultur- und Bildungspolitik verhängnisvolle Konsequenzen. Nicht nur, daß die russische Sprache nunmehr verbindlich in allen Schulen und Hochschulen zum Lehrfach erhoben wurde. Insbesondere unter dem Kultusminister Zdanov kam es auch in der Nachkriegszeit zu Auswüchsen eines anti-westlichen Chauvinismus. Die sowjetische Wissenschaft wurde zum Bruch mit den westlichen "bürgerlichen" oder "kosmopolitischen" Anschauungen gezwungen. Die bereits in den 30er Jahren ausgesprochene Verurteilung der Soziologietheorien von M. N. Petrowskij fand eine Fortsetzung in der Verwerfung der klassischen Mendel-Morganschen Vererbungslehre, die sowjetische Genetik wurde auf die angreifbaren Thesen von T.D. Lysenko staatlich festgelegt Die Relativitätstheorie Einsteins und die Kybernetik waren lange Zeit verfemt, in der Sprachwissenschaft wurde der Strukturalismus als Formalismus abgetan. Erst nach dem Tode Stalins 1953 kam es zu einer allmählichen Entkrampfung. Lange Zeit aber noch war es z. B. für sowjetische Wissenschaftler nicht ratsam, westliche Forscher offiziell zu zitieren.

Folgen der Umstrukturierung
Während den Natur- und Ingenieurwissenschaften eindeutig der Vorzug gegeben wurde, wurden die Geisteswissenschaften weitgehend auf den Geist der Parteilichkeit verpflichtet und die Gesellschaftwissenschaften in Ideologie verwandelt. Die Schaffung neuer Hochschulen in fast jedem Zentrum der UdSSR, auch in solchen, die dafür nicht die geringsten Voraussetzungen hatten, sowie die Umwandlung von Fachbereichen in eigene Hochschulen führte zum weiteren Absinken der Universitätskultur.
Die Ingenieurausbildung wurde hochgradig spezialisiert, in Sibirien und Zentralasien kam es zur Gründung zahlreicher Pädagogischer Hochschulen zur Bekämpfung des Analphabetismus.
Die Zerschlagung der Hochschule als Universitas, die Abtrennung von Fakultäten und ihre Umwandlung in eigene Hochschulen, die Unterstellung der verschiedenen Hochschulen unter das jeweilige Fachministerium haben die Stellung der Hochschule als Instanz im Staat erheblich geschwächt, haben den Verlust des Zusammenhalts der Fächer mit sich gebracht. Die Spezialisierung hat letzten Endes auch zur Isolierung geführt.
Richtig ist aber auch, daß die deutliche Bevorzugung der ingenieur- und naturwissenschaftlichen Disziplinen trotz widriger politischer Umstände immer wieder hervorragende Fachwissenschaftler hervorgebracht hat, wissenschaftliche Schulen entstehen ließ und in vielen Fächern sowjetische Wissenschaftler den internationalen Wissenschaftsstandard mitbestimmten, so vor allem in Mathematik, Physik, Luft- und Raumfahrt.
Lediglich die Moskauer Staatliche Universität und die Petersburger (Leningrader) Staatsuniversität als die beiden größten und ältesten russischen Universitäten genossen bis in die jüngste Vergangenheit einen Sonderstatus. Im Vergleich zu den anderen Hochschulen verfügten sie noch über das breiteste Fächerspektrum, genossen mehr Freiheiten. So waren z. B. bereits in früherer Zeit auch Ausländer zum Studium zugelassen, durften Kontakte zu ausländischen Hochschulen unterhalten werden, wurden die Lehrkräfte erheblich besser finanziert, war die gesamte materielle Ausstattung großzügiger. Auch in wissenschaftlicher Hinsicht rangierten sie unter den besten Hochschulen der Sowjetunion.
Wenn auch viele der oben dargestellten Erscheinungen im Laufe der Jahrzehnte gemildert worden sind und sicherlich auch ein großes Maß an Normalität an russischen Hochschulen eingekehrt ist, kann erst die Zeit nach 1991 als die eigentliche Erneuerungsphase aufgefaßt werden. Vielleicht treten aber auch erst jetzt, da sich das russische Hochschulsystem mit dem amerikanischen oder europäischen vergleichen lassen muß, die Spätschäden der früheren Hochschuldeformationen zutage.

Weitere Informationen über das russische Bildungsystem finden sie unter der Rubrik Staat/Bildungssystem

oder hier.

 

Quelle: Deutscher Akademischer Ausstauschdienst (DaaD)