Die Wiege der Russischen Nation war die Kiewer Rus, ein Staat, der in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts im Ergebnis der Vereinigung ostslawischer Stämme, die am Mittellauf des Dnepr lebten, entstand. In ihm bildete sich eine einheitliche altrussische Völkerschaft heraus, auf deren Grundlage sich in der Folgezeit das russische, das ukrainische und das weißrussische Volk formierten.

Seit Ende des 9. Jahrhunderts herrschte im Lande die Dynastie der Rurikiden, deren Stammvater einer Überlieferung zufolge der Warägerkonung Rurik gewesen war. Zusammen mit seinen Brüdern Sineus und Truwor wurde er von den Slawen eingeladen, sie als Fürst zu regieren. Daher auch der Name Rus, wie eine Chronik zu berichten weiß: "Jene Waräger nannten sich Rus, ebenso wie andere Swei und wieder andere Normannen und Goten hießen."

Das russische Land erstreckte sich über riesige Weiten von den linken Nebenflüssen der Weichsel bis zu den Vorläufern des Kaukasus, von Taman und dem Niederlauf der Donau bis zu der Küste des Finnischen Meerbusens und des Ladogasees. Von großer historischer Bedeutung war die Christianisierung der Rus durch den Fürsten Wladimir Swjatoslawitsch im Jahre 988.

Altrußland dehnte sich aus und erstarkte im Kampf gegen Byzanz, die Waräger und die Nomadenstämme aus den Schwarzmeersteppen. Seine höchste Blüte erreichte es in den Jahren der Regierung des Fürsten Jaroslaw des Weisen (1019-1054), der das erste Gesetzbuch "Russkaja Prawda" zusammengestellt hatte. In dieser Zeit wurde der Kiewer Staat zu einem der größten und kulturell meistentwickelten im mittelalterlichen Europa. Die zunehmende politische und wirtschaftliche Selbständigkeit der Städte, die Widersprüche zwischen den feudalen Herrschern riefen jedoch Entfremdung und Zwietracht hervor und führten ihn 1132 zum Zerfall.

Die größten Staaten, die sich nach dem Niedergang von Kiew abgesondert hatten, waren die Fürstentümer Wladimir-Susdal und Galitsch-Wolhynien sowie die sogenannte Nowgoroder Republik.

Seit dem 13. Jahrhundert erlebten die russischen Lande den Einfall der Horden von Tschinggis-Chan und seiner Nachfolger, die Städte zerstörten und den Fürsten einen Tribut auferlegten. Die schwere Mongolenherrschaft dauerte zweieinhalb Jahrhunderte.

Die deutschen Feudalen machten sich die Abschwächung Rußlands zunutze und eroberten im 13. Jahrhundert das Baltikum. Auch die Schweden stießen nach dem Osten vor, wurden aber 1240 vom Fürsten Alexander Jaroslawitsch in der Schlacht an der Newa zum Stehen gebracht, der für diesen Sieg den Beinamen Newski erhielt. 1242 zerschlug Alexander Newski auf dem Eis des Peipussees die Ritter des Deutschen Ordens.

Seit dem 14. Jahrhundert gewann in der Rus das Moskauer Fürstentum an Bedeutung, das als Zentrum des "Sammelns der russischen Lande" fungierte. Die politischen Erfolge des Fürsten Iwan Kalita bei der Erlangung der Unabhängigkeit von der Horde wurden durch den militärischen Sieg seines Enkels, des Fürsten Dmitri Donskoi über den Chan Mamaj auf dem Kulikowofeld 1380 verankert. Endgültig wurde das mongolische Joch 1480 abgeschüttelt.

Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts begann sich rund um Moskau ein zentralisierter Staat herauszubilden, dem die größten russischen Städte und später auch die Völker des Wolgagebiets, des Uralgebiets und Sibiriens angehörten. Der Moskauer Herrscher Iwan III. erklärte sich zum Nachfolger der byzantinischen Kaiser und Moskau zur Hauptstadt des gesamten orthodoxen Christentums, zum "dritten Rom". Sein Enkel Iwan IV., der Schreckliche (er regierte von 1547 bis 1584), der Großfürst, der als erster den Titel des Zaren erhalten hatte, entfesselte im Lande grausamen Terror ("Opritschnina"), legte damit den Grund zur russischen Selbstherrschaft und führte wichtige Reformen der Staatsverwaltung, des Gerichtssystems, der Armee und der Kirche durch.

Bald nach dem Tode Iwan des Schrecklichen geriet das Land in eine Krise, die mit der Frage der Thronfolge zusammenhing. Das war die sogenannte Zeit der Wirren. Die Lage wurde durch die polnisch-schwedische Intervention verschlimmert. 1612 wurden die Eroberer, denen es gelungen war, Moskau zu besetzen, von der Volkswehr unter der Führung des Bürgers von Nishni Nowgorod Minin und des Fürsten Posharski aus der Stadt vertrieben. 1613 wählte der Semski Sobor Michail Fjodorowitsch, den ersten aus der Romanow-Dynastie, zum neuen Zaren. Die Vertreter der Romanow-Dynastie regierten das Land in den nachfolgenden drei Jahrhunderten. Im 17. Jahrhundert dehnte sich das Land in den Kriegen gegen die Rzeczpospolita, Schweden, das Osmanische Reich und das Krimer Chanat territorial weiter aus. 1654 wurde die Ukraine durch einen Beschluß der Perejaslawler Rada mit Rußland wiedervereinigt.

Zu einer Wendeepoche in der Geschichte Rußlands wurden die Jahre der Regierung Peter l., des Großen (1682-1725), der die Schlüsselbereiche des nationalen Lebens von Grund auf umgestaltete. Der Zar und Reformer gliederte das Land in Gouvernements auf; gründete das oberste Verfügungsorgan (den Senat), Kollegien, die für einzelne Branchen zuständig waren, und anstelle des aufgelösten Patriarchats den für Angelegenheiten der orthodoxen Kirche zuständigen Synod: bestätigte die Rangliste, das heißt das hierarchische System der militärischen, zivilen und höfischen Ränge.

Es wurden Manufakturen, Gießerei- und Grubenbetriebe gegründet; die Artillerie-, die Navigationsund die medizinische Schule, die Seeakademie und dann auch die Akademie der Wissenschaften eröffnet; die Rekrutenpflicht eingeführt, eine reguläre Armee aufgestellt und die Flotte gebaut. Peter l. stellte Rußland auf die neue Zeitrechnung um, ließ seine Untertanen deutsche Kleidung und Perücken tragen, schnitt den Bojaren, die sich den Neuerungen widersetzten, höchstpersönlich ihre langen Barte und breite Mantelärmel ab. Die Hauptstadt wurde nach Sankt Petersburg, das "Paradies" des Zaren, das in der sumpfigen Newa-Gegend von den dorthin gewaltsam getriebenen Bauern errichtet worden war, verlegt.

Im Ergebnis dieser großangelegten umgestalterischen Tätigkeit bildete sich in Rußland ein starker militärisch-feudaler Staat heraus, eine absolute Monarchie, aufgebaut auf der maximalen Zentralisierung der Leitung und einer harten Regelung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Die Reformen Peters l. brachten dem Lande zwar viel Nützliches und Vernünftiges, bestimmten jedoch für eine lange historische Perspektive die Entwicklung des Landes auf dem Wege der Großmächtigkeit und der Selbstherrschaft. Die weitere Festigung der Grundlagen der monarchistischen Ordnung erfolgte in der Zeit der Regierung Katharinas II. (1762-1796), die durch die offizielle Verkündung der Politik des aufgeklärten Absolutismus und zugleich auch durch harte Repressalien gegen Andersdenkende gekennzeichnet war. Die ständischen Privilegien des Adels wurden wesentlich erweitert, der Bauernaufstand unter Führung des Donkosaken Jemeljan Pugatschow wurde grausam unterdrückt.

Die Grenzen Rußlands, das 1721 unter Peter l. zum Reich erklärt worden war, wurden im 18. Jahrhundert wesentlich auseinandergeschoben. Ihm wurden riesige Weiten Sibiriens und des Fernen Ostens, das Ishora-Land, Estland, Lettland und ein Teil Litauens (im Baltikum), die am rechten Ufer gelegenen Gebiete der Ukraine und Weißrußland, die Krim und die nördlichen Schwarzmeergebiete (Neurußland) angeschlossen.

 

Peter I. am Damm in Petersburg.   
Maler: Valentin Serow

In das 19. Jahrhundert trat das Land im Glanz der imperialen Größe und mit einer schweren Last der sich verschlimmernden inneren Probleme. Alexander l., Ururenkel Peters l. (die Regierungszeit von 1801 bis 1825) tendierte in der ersten Hälfte seiner Herrschaft zu mäßigen liberalen Reformen, übertrug aber später die Macht seinem despotischen Favoriten Grafen Araktschejew, der in der Armee erzwungene Disziplin einführte und Hunderttausende Bauern in militärische Siedlungen hineinjagte. Der große russische Dichter Puschkin wurde wegen seiner freidenkerischen Verse in Verbannung geschickt.

1812 führte Rußland einen der größten und schwersten Kriege in seiner Geschichte. Die Truppen des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte hatten das von der Armee und den Einwohnern verlassene Moskau besetzt, waren aber bald darauf durch Kälte und Hunger sowie unter den vernichtenden Schlägen der russischen Truppen gezwungen, ruhmlos Rußland zu verlassen, wobei sie schwere Verluste erlitten. 1813 marschierten russische Soldaten in Berlin und Hamburg, 1814 in Paris ein. Der Sieg im Vaterländischen Krieg, der dem Mut und der Standhaftigkeit des Volkes, dem Talent und der Weisheit der Feld-herrn mit Michail Kutusow an der Spitze zu verdanken war, trug zum Wachstum des nationalen Selbstbewußtseins und zur Verstärkung des Einflusses Rußlands in den internationalen Angelegenheiten bei. Aber dessenungeachtet wurden bald die Grundpfeiler des Staates untergraben und erschüttert, weil die Schlüsselfragen des gesellschaftlichen Aufbaus wegen des verhängnisvollen Konservatismus der herrschenden Klasse ungelöst geblieben waren.

1825, in der Zeit der Zwischenherrschaft, die nach dem Tode Alexanders l. angebrochen war, kam es in Petersburg zum Deka-bristenaufstand, zur ersten bewaffneten revolutionären Erhebung im Lande. Die Teilnehmer des Aufstandes, die Offiziere, die mit Ehre und Heldenmut den Vaterländischen Krieg überstanden hatten, erhoben die Forderungen nach der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Errichtung der konstitutionellen Monarchie.

Der neue Zar Nikolaus l. (die Regierungsjahre 1825-1855) hatte den Aufstand niedergeworfen und seine Führer hingerichtet oder nach Sibirien verbannt, gründete danach die politische Polizei und verfolgte grausam jegliches Freidenkertum.

Die Niederlage Rußlands im Krimkrieg (1853-1856) gegen die Türkei und England, Frankreich und das Sardinische Königreich, die mit ihr ein Bündnis geschlossen hatten, zeigte mit aller Deutlichkeit die politische Rückständigkeit des leibeigenschaftlichen und die wirtschaftliche Machtlosigkeit des leibeigenschaftlichen Rußland. Die herangereiften Umgestaltungen konnten nicht mehr aufgeschoben werden.

Der Zar Alexander II., der Befreier, (die Regierungsjahre 1855-1881), der Nikolaus 1. auf dem Thron abgelöst hatte, hob die Leibeigenschaft auf und führte eine Reihe anderer wichtiger Reformen durch, insbesondere die Semstwo-Reform (die Einführung von wählbaren Organen der örtlichen Selbstverwaltung) und die Gerichtsreform (die Festlegung der Grundsätze der Transparenz und des streitigen Charakters des Gerichtsprozesses, die Einführung der Schwur-und Friedensgerichte), reorganisierte die Armee und Flotte nach den Grundsätzen der Wehrpflicht aller Stände, demokratisierte das Bildungssystem. Die industrielle Entwicklung erhielt starke Impulse, Werke, Fabriken und Eisenbahnen wurden gebaut, die Städte wuchsen. Die Zahl des Proletariats nahm zu.

Der radikal gestimmte Teil der Gesellschaft, vor allem die nicht adlige Intelligenz, hielt die vom Zaren durchgeführten Reformen für unzureichend. Die Bewegung der Volkstümler, die unter den Losungen einer Bauernrevolution und des Sturzes der Selbstherrschaft auftraten, nahm an Kraft zu; die extremsten Gruppierungen in dieser Bewegung beschritten den Weg des politischen Terrors, dem Alexander II. zum Opfer fiel.

Der Zar Alexander III., der nach ihm den Thron bestiegen hatte (die Regierungsjahre 1881-1894), versuchte, die Staatsordnung mit Hilfe von administrativen und polizeilichen Maßnahmen zu stabilisieren. Die von ihm durchgeführten "Gegenreformen" (die Wiederherstellung der Vorzensur, die Aufhebung der Autonomie der Universitäten, die Einführung der bürokratischen Bevormundung der Semstwo- und der städtischen Selbstverwaltung u.a.) vergrößerten lediglich die Kluft und verstärkten die Widersprüche zwischen der Führungsspitze des monarchistischen Regimes und den breiten Gesellschaftsschichten, die mit ihrer Lage unzufrieden waren.

Im 19. Jahrhundert dehnte sich das Territorium Rußlands sowohl im Ergebnis der freiwilligen Wahl der benachbarten Völker als auch durch gewaltsame Expansion aus. Angeschlossen wurden Transkaukasien, Nordkaukasien, Finnland, Bessarabien (Moldau), ein Teil Polens, das Amurgebiet, die Region Primorje und die Insel Sachalin (im Fernen Osten) sowie Mittelasien. Zugleich war aber einer der größten territorialen Verluste in der Geschichte Rußlands zu verzeichnen: Die Regierung verkaufte nämlich den Vereinigten Staaten für einen nach heutigen Begriffen lächerlichen Preis von sieben Millionen Dollar Alaska, das im 17.-18. Jahrhundert von den russischen Forschungsreisenden entdeckt worden war, und mit ihm auch die Aleuten.

Im "Dornenkranz der Revolutionen" kam das 20. Jahrhundert, eine Epoche blutiger Meutereien und zerstörender Kriege, wie sie nicht einmal das an menschliche Tragödien gewohnte leidgeprüfte Rußland gekannt hatte. Die Selbstherrschaft des Zaren, die sich historisch überlebt hatte, offenbarte ihre völlige Unhaltbarkeit und Unwirksamkeit, die Gesellschaft fand für sie jedoch keine vernünftige und für die Mehrheit der Bürger annehmbare Alternative. Immer wieder fanden die in einer alten Chronik fixierten geflügelten Worte ihre Bestätigung: "Unser Land ist groß und reich, hier herrscht aber keine Ordnung."

Der Zusammenbruch der Selbstherrschaft wurde nicht nur durch die standesmäßigen, wirtschaftlichen und politischen Widersprüche, die sich stark verschärft hatten, beschleunigt. Ihre Rolle hatten hierbei auch die persönlichen Eigenschaften des Zaren Nikolaus II. (die Regierungsjahre 1894-1917) gespielt. Der letzte russische Monarch zeichnete sich durch keine sonderliche Entschlossenheit und Weitsichtigkeit aus, umgab sich mit verschiedenen Hochstaplern, solchen wie zum Beispiel der "Hellseher" und "Heilkundiger" Grigori Rasputin, unter deren Einfluß er die für das Schicksal des Landes wichtigsten Entscheidungen traf.

 

Der letzte russische Zar Nikolaus I I. mit seiner Familie

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde in Rußland die sozialdemokratische Partei gegründet (später in die kommunistische umbenannt), deren Strategie auf der philosophischen und ökonomischen Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels begründet war. Die Führung des am radikalsten gestimmten Teils der Partei (Bolschewiki) übernahm Wladimir Uljanow-Lenin.

Die erste russische Revolution (nach der sowjetischen Terminologie "die Generalprobe des Großen Oktober") brach 1905 aus. Nikolaus II., der sich gezwungen sah, Zugeständnisse zu machen, gab das Manifest über die Anerkennung der Bürger-rechte heraus. In Rußland wurde das Parlament (die Staatsduma) gewählt, es wurden Umgestaltungen im Agrarsektor in Angriff genommen (Stolypinsche Reform), die Gemüter beruhigten sich jedoch nicht für lange.

1914 trat Rußland auf der Seite der Entente in den ersten Weltkrieg ein. Das Chaos, die Zerrüttung und die Lebensmittelkrise, die durch den Krieg verursacht worden waren, beschleunigten die revolutionäre Entwicklung. Der dreihundertjährigen Herrschaft der Romanow-Dynastie wurde ein Ende gesetzt, das Land versäumte jedoch eine einmalige historische Chance, den Weg der demokratischen Entwicklung zu beschreiten. Der Februarrevolution 1917, die viele Hoffnungen auf eine freie und glückliche Zukunft entstehen ließ, die nicht in Erfüllung gingen, folgte die Oktoberrevolution: Die Macht wurde von den von Wladimir Lenin und Lew Trotzki geleiteten Bolschewiki ergriffen.

Es begann das siebzigjährige kommunistische Experiment. Rußland wurde in einen totalitären Staat verwandelt, der sich noch weniger als das autokratische Rußland für ein normales, wohlgeordnetes Leben eignete. Die Personenrechte und -freiheiten galten nicht, die imperiale Macht gründete auf der körperlichen und geistigen Unterdrückung von vielen Millionen Menschen.

Das neue Regime, das im zerstörenden Bürgerkrieg (1918-1920) einen Sieg über seine politischen Gegner errungen hatte, ging an die Realisierung seiner weitgreifenden Pläne zur grundsätzlichen Umgestaltung der Gesellschaft.

Im Lande war schon früher, in den Jahren 1917-1918, die Nationalisierung durchgeführt worden: Ins Eigentum des Staates gingen die Großindustrie, das Transportwesen, der Außenhandel und die Privatbanken über. 1921 wurden die radikalen Methoden des "Kriegskommunismus" zum Zwecke der Belebung der zerrütteten Wirtschaft durch die einigermaßen liberalere "Neue ökonomische Politik" (NÖP) ersetzt, die bestimmte Erleichterungen für das Privatunternehmertum bedeutete, die jedoch nicht von langer Dauer waren.

1922 war die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gebildet worden, die von den Bolschewiki zu einem Staat der Diktatur des Proletariats erklärt wurde. Mit der Bildung der UdSSR wurde auf einer neuen politischen und rechtlichen Grundlage die territoriale Einheit des Großteils des einstigen Russischen Reichs wiederhergestellt.

Nach dem Tode Lenins 1924 war an das Ruder der Partei und des Staates lossif Stalin (Dshugaschwili) gekommen, der den traurigen Ruhm eines der grausamsten Tyrannen aller Zeiten und Völker erlangte. Er hatte seinen politischen Hauptrivalen Trotzki abgedrängt (und ihn später physisch liqudiert) und konzentrierte in seinen Händen allmählich eine absolute, von niemandem und durch nichts kontrollierte Macht.

In den Jahren 1929-1936 wurden die Bauern im Zuge der Kampagne für die massenhafte Kollektivierung der Landwirtschaft gewaltsam in die Kolchose getrieben. Zugleich wurden energische Anstrengungen zur Industrialisierung des Landes unternommen, in deren Ergebnis es der Sowjetunion gelang, ein bedeutendes Wirtschaftspotential zu schaffen. In den Zeiten der ersten Fünfjahrpläne (1929-1940) nahmen 9000 Industriebetriebe, selbstverständlich staatliche, die Produktion auf.

Die Errichtung der "gerechtesten Gesellschaftsordnung in der Geschichte" ging mit nie dagewesenen Repressalien einher, denen Millionen absolut schuldloser Bürger ausgesetzt waren. Wie Kronos, der seine eigenen Kinder verschlang, vernichtete das kommunistische Regime physisch die Mehrheit der revolutionären Kampfgenossen Lenins und die talentiertesten Heerführer der Roten Armee.

Immense Opfer trug auch die Intelligenz, sowohl die "alte" als auch die "neue", sowjetische, das Kulakentum, das heißt die wohlhabendsten und arbeitsliebenden Bauern, wurde "als Klasse liquidiert". Die katastrophalen Folgen der stalinschen "Säuberungen" lassen sich auch heute noch im Lande schmerzhaft spüren, dabei nicht nur auf der psychologischen, sondern auch auf der genetischen Ebene.

1941 wurde die Sowjetunion vom hitlerfaschistischen Deutschland überfallen; die UdSSR trat in den Zweiten Weltkrieg (den Großen Vaterländischen Krieg) ein. Das stalinsche Regime erwies sich als zur Abwehr der Aggression unvorbereitet: Die deutschen Armeen eroberten große Gebiete im westlichen Teil des Landes und drangen schon einige Monate nach dem Beginn der Kampfhandlungen bis dicht an Moskau vor. Der Sowjetunion gelang es nur durch qualvolle Überanstrengung der Kräfte, dank dem Massenheldentum und der Selbstaufopferung der Menschen, den Gang der Ereignisse zu ihren Gunsten zu wenden.

Ein grundlegender Umschwung im Vaterländischen Krieg und im weltweiten Konflikt im ganzen setzte mit der Schlacht im Raum Stalingrad (1942-1943) ein, die mit der Einkesselung und der Vernichtung der 330 000 Mann starken Gruppierung der feindlichen Truppen endete. 1945 nahm die Rote Armee im Ergebnis der erfolgreichen Berliner Operation die Hauptstadt des hitlerfaschistischen Deutschland ein und hißte rote Fahnen am Reichstag; danach trat sie in den Krieg gegen Japan ein und zerschlug die japanische Kwantungarmee.

Der Sieg kostete die UdSSR immense Opfer: rund 27 Millionen Menschen waren ums Leben gekommen, viele Hunderte Städte, 70 000 Dörfer und mehr als 30 000 Industriebetriebe zerstört worden.

Im Zeitraum 1939-1945 wurden die Grenzen des Landes erneut nach Westen verrückt. In die Sowjetunion wurden aufgenommen: die nach der Oktoberrevolution von Rußland abgefallenen Estland, Lettland und Litauen, die Westukraine und die westlichen Gebiete Weißrußlands (seit 1921 gehörten sie zu Polen), ferner einige Gebiete Fnnlands, Bessarabien (seit 1918 gehörte es zu Rumänien), Königsberg (das Zentrum von Ostpreußen, heute Kaliningrad) mit anliegenden Landstrichen. Einige Gebiete wurden auch in Asien erworben: Tuwa in Südsibirien, Südsachalin und die Kurilen im Fernen Osten.

Nach dem Krieg wurde die UdSSR zum politischen Zentrum der sogenannten sozialistischen Staatengemeinschaft, zu der die Länder Osteuropas und Asiens, die sich in der Bahn der kommunistischen Ideologie bewegten, darunter auch China, das über ein gigantisches demographisches Potential verfügt, gehörten. Später schloß sich ihnen Kuba an, das als Vorposten des Kommunismus in der westlichen Halbkugel betrachtet wurde.

"Das sozialistische Weltsystem", in dem Moskau führend war, stellte auf dem Schauplatz des Weltgeschehens eine sehr einflußreiche Kraft, einen außerordentlich mächtigen geopoliti-schen Faktor dar. Auf es entfiel ein Drittel der gesamten Bevölkerung und ein Viertel des Territoriums des Erdballs.

Zum sozialistischen Lager schlugen sich mit verschiedenem Annäherungsgrad die "Staaten der sozialistischen Orientierung", die Länder der "dritten Welt", die (in der Tat oder in Worten) die Wahl zugunsten der kommunistischen Ideale getroffen hatten und dafür als Belohnung moralische, materielle und militärische Unterstützung seitens der UdSSR erhielten. Hinter die Politik der Kreml-Führung stellten sich nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten die "verbrüderten kommunistischen und Arbeiterparteien", die praktisch in allen Ländern funktionierten.

In militärischer und politischer Hinsicht waren die Sowjetunion und ihre europäischen Verbündeten: Bulgarien, die Deutsche Demokratische Republik, Polen, Rumänien, die Tschechoslowakei, Ungarn und (bis 1962) Albanien, in der Organisation des Warschauer Vertrags (unterzeichnet 1953), auf dem Wirtschaftsgebiet im Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (gegründet 1949) vereinigt.

1949 hatte die Sowjetunion erfolgreich eine Atombombe erprobt und wurde somit zur kernwaffenbesitzenden Macht. 1953 testete die UdSSR als erste in der Welt eine Wasserstoffbombe.

Die Bündnisbeziehungen, die in den Jahren des Zweiten Weltkrieges zwischen der UdSSR und den Westmächten hergestellt worden waren, wurden vom Kalten Krieg, der globalen Konfrontation der beiden antagonistischen Systeme, abgelöst. 1962 wäre der Kalte Krieg wegen der "Karibischen Krise" beinahe zu einem "heißen" ausgeartet. Es gelang zwar einen weltweiten nuklearen Zusammenstoß zu vermeiden, die internationalen Spannungen wurden aber stetig durch lokale Konflikte unter Beteiligung der Supermächte, die für die Einflußsphären kämpften, angefacht.

Das Wettrüsten wurde angekurbelt. Die militärische Einmischung der USA in Korea und Vietnam, der Widerstreit zwischen den Arabern und Israel im Nahen Osten, die sowjetischen bewaffneten Expeditionen nach Ungarn (1956), der Tschechoslowakei (1968) und Afghanistan (1979) erhielten die instabile, explosive Situation in der Welt aufrecht. Nicht einmal die wichtigen beiderseitigen Kompromisse, die im Rahmen der "Entspannungspolitik" in den siebziger Jahren erzielt worden waren, konnten dazu verhelfen, diese Situation wesentlich zu verbessern.

1953, nach Stalins Tod, wurde Nikita Chrustschow zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei. Im Leben des Landes vollzogen sich günstige Veränderungen: Der neue höchste Parteifunktionär entlarvte auf dem 20. und 22. Parteitag der KPdSU die Greueltaten seines Vorgängers (die sogenannte Kritik am Personenkult), setzte die Opfer der Repressalien, die in Lagern saßen, auf freien Fuß und rehabilitierte sie. Der Eiserne Vorhang wurde einen Spalt breit geöffnet: 1957 kamen Tausende Gäste aus aller Ländern zu den Weltfestspielen der Jugend und Studenten nach Moskau. Im kulturellen und geistigen Bereich war eine bestimmte, wenn auch recht beschränkte, Milderung zu beobachten.

Das angebrochene "Tauwetter" war jedoch von kurzer Dauer und nicht stabil. 1964 beschuldigte die konservative Nomenklaturaführungsspitze, Leonid Breshnew voran, Chrustschow des "Subjektivismus" und "Voluntarismus" und stürzte ihn. Das Land versank von Jahr zu Jahr immer tiefer im Sumpf der "Stagnation": die kennzeichnenden Merkmale dieser Zelt waren Wirtschaftsflaute, intellektuelles und geistiges Dahinsiechen, politische Apathie und Enttäuschung von Idealen. Der den Menschen feierlich versprochene kommunistische Aufbau (er war für 1980 geplant worden) erwies sich als eine propagandistische Chimäre. Die UdSSR war zwar eine der zwei in militärischer Hinsicht stärksten Weltmächte geblieben, erlitt jedoch im Kalten Krieg wegen der Unhaltbarkeit ihres ökonomischen, politischen und ideologischen Systems eine Niederlage. Unter der Last äußerer und innerer Probleme begann das Regime, an dessen Spitze hilflose betagte Menschen standen, zu verfallen.

Michail Gorbatschow, der 1985 an die Macht gekommen war, unternahm den Versuch, mit Hilfe der Politik der "Perestroika" und "Glasnost" dem degradierenden System ein neues Leben einzuhauchen. Die Massenmedien begannen mit seinem Segen scharfe entlarvende Materialien zu veröffentlichen. In der Wirtschaft bildeten sich die ersten Keime der Privatinitiative aus. Aus der Verfassung wurde der Leitsatz über die "führende und lenkende Rolle der KPdSU" gestrichen.

Die Reformen von Gorbatschow zeichneten sich jedoch durch Zwiespältigkeit und Inkonsequenz aus. Darum gewann Boris Jelzin, Verfechter der einschneidenden, tiefgreifenden Umgestaltungen, im Volk immer größere Popularität.

Die Reformen riefen beim orthodoxen Teil des Parteiapparats starke Unzufriedenheit hervor. Im August 1991 zettelte eine Gruppe von führenden Staatsmännern einen Putsch (die Schaffung des sogenannten GKTschP) mit dem Ziel an, die alte Ordnung zu restaurieren; in Moskau marschierten Truppen ein. Der versuchte Umsturz scheiterte jedoch am starken Widerstand der Bevölkerung und an der Unentschlossenheit der Putschisten selbst. Der Zusammenbruch des Putsches kennzeichnete das Ende der vierundsiebzigjährigen kommunistischen Diktatur. Die ganze Machtfülle ging auf Jelzin über.

Der Untergang des kommunistischen Regimes führte zum Zerfall des einheitlichen multinationalen Sowjetstaates. Zugleich zerfiel auch das gesamte "sozialistische Weltsystem". Die Kräftekonstellation auf dem Schauplatz des Weltgeschehens veränderte sich von Grund auf: Die Welt war nicht mehr in zwei Lager, die einander zu bekämpfen suchten, geteilt, die Epoche der "Bipolarität" ging zu Ende. Die USA waren ihren geopolitischen Hauptrivalen losgeworden. Die NATO erhielt die Möglichkeit, sich nach dem Osten zu erweitern.

Im Dezember 1991 faßten die höchsten Repräsentanten Rußlands, der Ukraine und Weißrußlands den Beschluß, laut dem die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken hörte auf zu existieren und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten gegründet wurde. Jede der fünfzehn Unionsrepubliken erlangte eine reale Unabhängigkeit und führte von da an eine selbständige Innen-und Außenpolitik durch.

Negative Folgen des Auseinanderfallens der UdSSR waren die Zerstörung des einheitlichen Wirtschaftsraums, die Abschwächung der traditionellen wirtschaftlichen, wissenschaftlich-technischen, kulturellen und menschlichen Beziehungen.

Millionen Russen, die auf dem Territorium der abgefallenen Länder leben, wurden von ihrer Heimat getrennt und sind in einer Reihe von Fällen der Diskriminierung ausgesetzt. In diesem Zusammenhang erlangten die auf die Entwicklung der Reintegrationsprozesse gerichteten Anstrengungen große Bedeutung.

Angefangen von 1992 ergriffen die Machtorgane Rußlands entschlossene Maßnahmen zur Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens und zur Liberalisierung der Wirtschaft. Marktwirtschaftsmechanismen wurden in Aktion gesetzt, der freie Handel erlaubt und das Staatseigentum privatisiert. Das Fortschreiten der Reformen wurde jedoch durch einen scharfen Konflikt zwischen der gesetzgebenden und der vollziehenden Gewalt behindert: Der Oberste Sowjet, in dem die linken und nationalistischen Kräfte sowie abenteuerliche Elemente von verschiedener Art den Ton angaben, versuchte, dem Präsidenten einen erheblichen Teil der ihm gehörenden Machtbefugnisse zu entziehen.

Im September-Oktober 1993 kam es in Moskau zu massenhaften Unruhen und bewaffneten Zusammenstößen. Gestützt auf die demokratischen Kreise, unterdrückte Boris Jelzin mit Gewalt die versuchte Meuterei, es gelang, einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Den Reformen wurde die Bahn geebnet, im Lande eine feste Macht errichtet. Im Ergebnis eines volksumfassenden Referendums wurde eine neue demokratische Verfassung angenommen, es fanden die Wahlen zur Staatsduma statt.

Die Lage in Rußland wurde im bedeutenden Maße stabilisiert, wenngleich auch die Ereignisse in Nordkaukasien die innenpolitische Situation trübten. Die Separatisten, die in Tschetschenien die Macht ergriffen hatten, forderten Moskau offen heraus; die Versuche, sie durch militärische Einmischung zu bändigen, führten zu zahlreichen Opfern, waren aber nicht von Erfolg gekrönt. 1996 sah sich die Regierung gezwungen, die Truppen aus Tschetschenien abzuziehen und zu versuchen, den Konflikt durch friedliche Verhandlungs- und Wirtschaftsmethoden beizulegen.

Die Reformen trugen in der ersten Zeit keine zu erwartenden reichen Früchte: Es war ein Wirtschaftsrückgang mit allen seinen natürlichen Folgen zu verzeichnen: Verteuerung, Arbeitslosigkeit und Verarmung von Menschen. Es entstanden scharfe, für die Einwohner Rußlands, die im kommunistischen Geist erzogen worden waren, ungewöhnliche soziale Kontraste. Einerseits der ins Auge stechende Luxus eines Häufleins von Neureichen und Parvenüs, andererseits das Dahinvegetieren der einfachen Werktätigen, des "kleinen Mannes". Das Jahr 1997 brachte einige hoffnungserweckende Resultate: Die Inflation wurde praktisch überwunden, in der Wirtschaft machte sich eine bestimmte Belebung bemerkbar. Das internationale Ansehen Rußlands, das heute einen würdigen Platz unter den acht meistentwickelten Staaten der Welt einnimmt, wächst. Die Möglichkeit der Rückkehr des Landes zum Totalitarismus wird mit jedem Jahr immer weniger real. Die freie Wirtschaft hat in Rußland festen Fuß gefaßt, das Volk ist der endlosen Verwirrungen und Erschütterungen müde, die Menschen wünschen Stabilität herbei und gewöhnen sich nach und nach an die neue Lebensweise.

Rußland ist eine Macht, die über sehr reiche Natur- und Wirtschaftsressourcen verfügt. Sein geistiges und intellektuelles Potential ist immens. Das gibt hinreichend Grund, des zukünftigen Gedeihens des Landes sicher zu sein.

Quelle: Russische Botschaft in Deutschland

 (www.russische-botschaft.de/Information/geschichte.htm)